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Kritik
der Philosophie
Kritisches Denken aus dem Geist der Rechtfertigung - Zitate
1. Philosophen über Philosophie: Staunen -
Wahrheitspathos und Wissenschaftsverachtung – kritisches Hinterfragen des
Selbstverständlichen
„Was
Philosophie ist, wird wohl nicht definiert werden können, solange Philosophie
lebendig ist. Die Frage nach dem Wesen der Philosophie ist selbst in die
philosophische Reflexion einbezogen und von ihr nicht zu trennen. Unbeschadet
dieser Sachlage wird jeder, der in diesem Felde tätig werden will, ohne eine
Gebrauchsdefinition von „Philosophie“ nicht auskommen können. Eine solche
Gebrauchsdefinition, die vielleicht einer heute unter Philosophien einigermaßen
verbreiteten Auffassung entsprechen würde, könnte folgendermaßen formuliert
werden: Philosophie ist die Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit genau
dessen, was in jeder anderen als der philosophischen Einstellung für
selbstverständlich genommen werden muss.“ Günter Patzig, Vorwort zu: Frege,
Funktion, Begriff, Bedeutung, S. 14.
„Andererseits kann man zweifellos behaupten, daß am Ursprung jeder
philosophischen Suche immer ein Erstauen steht, eine gewisse Art, etwas als
nicht endgültig hinzunehmen, etwas als nicht völlig natürlich zu betrachten. Das
ist wahrscheinlich so einleuchtend, daß man gar nicht näher darauf eingehen muß.
Was aber vielleicht weniger klar ist, ist, daß diese Infragestellung
unveränderlich auf eine später aufzudeckende Wahrheit gerichtet ist. Die Worte
„eine Wahrheit“ sind im übrigen nicht so exakt, wie sie sein sollten:
Fragmentarische Wahrheiten, die voneinander isoliert werden, gehören dem
Bereich der Wissenschaft und nicht der Philosophie an; es ist vielmehr die
Wahrheit, um die es sich immer handelt, aber von dem Augenblick an, da die
Reflexion ein bestimmtes Niveau erreicht hat, erstreckt sich die
Infragestellung auch auf die Wahrheit selbst; das hat zur Folge, daß man sich
fragen muß, was das Wort selbst bedeutet, und gleichzeitig, welches die
Bedingungen und Grenzen sind, innerhalb derer das Verlangen nach Wahrheit
vielleicht erfüllt werden kann.“ Marcel, Die Verantwortlichkeit des
Philosophen, in:Salmun, Was ist Philosophie?,S. 68
„Die wahre gesellschaftliche
Funktion der Philosophie liegt in der Kritik des Bestehenden. Max Horkheimer,
Kritische Theorie der Gesellschaft, Bd.II, S. 304.
2. Die radikale Warum-Frage: Missbrauch und
Mangel der logischen Kategorie ‚Grund’ – Legitimation statt Erklärung
„Metaphysik ist das Hinausfragen über das Seiende, um es als ein solches und im
Ganzen für das Begreifen zurück zu erhalten.“ Martin Heidegger., Was
ist Metaphysik, Antrittsvorlesung Freiburg 1923, Bonn 1931, S.21.
„Daß Philosophie auf das
Universale der Welt und das Letzte des Daseins, das Woher, das Wohin und das
Wozu von Welt und Leben abzielt in der Weise der theoretischen Welterkenntnis,
unterscheidet sie von den Einzelwissenschaften, die immer nur einen bestimmten
Bezirk der Welt und des Daseins betrachten.“ Ders., Grundprobleme der
Phänomenologie, Marburger Vorlesungen 1927, Ges.Ausg. FfM 1983, Abt. II, Bd.
24, S. 12.
„Wenn
Thales auf die Frage, was das Seiende sei, antwortet: Wasser, so erklärt er hier
Seiendes aus einem Seienden, obgleich er im Grunde sucht, was das Seiende als
Seiendes sei. In der Frage versteht er so etwas wie Sein, in der Antwort
interpretiert er Sein als Seiendes.“ ebd. S. 453.
3. Die Anwendung des
Rechtfertigungsdenkens auf Wissenschaft, Moral und Leben
„Alles Interesse meiner Vernunft vereinigt sich in den folgenden drei Fragen: 1.
Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich
hoffen?“ Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B832f.
A) Was kann ich
wissen? – Prüfung der Leistungsfähigkeit des Erkenntnisvermögens – „Die
Möglichkeit von Wissenschaft“ und ihre Grenzen
„Die
Auffassung, wir hätten im Denken ein Mittel zur Hand, mehr über die Welt zu
wissen, als beobachtet wurde, etwas zu wissen, was immer und überall in der Welt
unbedingte Geltung haben muß, ein Mittel, allgemeine Gesetze des Seins zu
erfassen, scheint uns durchaus mysteriös. Wie soll es zugehen, daß wird von
irgend einer Beobachtung im vorhinein sagen können, wie sie ausfallen muß, bevor
wir sie noch angestellt haben? Woher sollte unser Denken die Exekutivgewalt
nehmen, durch die es eine Beobachtung zwänge, so und nicht anders
auszugehen?“ Hahn, Logik, Mathematik und Naturerkennen, in: Schleichert,
Logischer Empirismus – der Wiener Kreis, S. 211.
„Nur
durch Spekulation gelangen wir zu möglichen allgemeinen Tatsachenwahrheiten.
Denn alles sogenannte Tatsachenwissen besteht in Hypothesen. Wie sie
zustandekommen, ist unwesentlich. Was zählt, ist allein, ob sie nachprüfbar sind
oder nicht. Dies ist der Inhalt des Popperschen Fallibilismus: Alles, was
Menschen ersinnen, kann falsch sein; und das meiste erweist sich auch bei
strenger Prüfung als falsch. Effektiv falsifizierte Hypothesen sind zu
verwerfen. Und Poppers methodologische Empfehlung bei der Suche nach Neuem
lautet: Halte dich nicht vorsichtig an das beobachtbare, sondern suche nach
reichen, gehaltvollen, zu vielen Prognosen fähige, also nicht nach
‚wahrscheinlichen‘ Hypothesen.“ Stegmüller, Moderne Wissenschaftstheorie,
S. 440.
B) Was soll ich tun? Die Forderung, Zwecke zu
rechtfertigen, und ihre tautologische Erfüllung
„Dass moralische Forderungen
mit einem Anspruch auf unbedingte Gültigkeit auftreten bezeichnet zunächst nur
die Eigentümlichkeit eines verbreiteten sittlichen Empfindens. Und nicht nur ist
es offenbar möglich, solche Forderungen trotz ihres Anspruchs zu ignorieren,
sondern es läßt sich ganz allgemein bezweifeln, ob ihnen die beanspruchte
unbedingte Gültigkeit tatsächlich zukommt. Eines der Phänomene, die solche
Zweifel immer wieder ins Leben rufen, ist die unbestreitbare Tatsache, daß zu
verschiedenen Zeiten, in verschiednen Gemeinschaften, Kulturkreisen, Personen
sehr verschiedene Moralen mit dem Anspruch auf unbedingte Gültigkeit aufgetreten
sind. ... Gegenüber solchem Relativismus ist schon früh der Versuch unternommen
worden, die Gebote der Moral durch theoretische Untersuchungen zu prüfen und an
die Stelle von Glauben und bloßer, traditioneller Überzeugung einsichtige, für
alle verbindliche Begründungen für das Bestehen und den Inhalt bestimmter
moralischer Forderungen zu setzen.“
Fischer-Lexikon Philosophie, FfM 1958, S. 46
„Argumente können überhaupt nur funktionalistisch sein. Die Frage ist nur, was
ein argumentatives Denken leisten kann und was nicht. Es kann viel leisten. Das
Maximum seiner Möglichkeiten hat schon Platon aufgewiesen: Es kann an seine
eigene Grenze, d.h. an den Rand von Einsichten führen, die nicht mehr
argumentativ, d.h. funktional herleitbar sind. Ein dem Wesen des Menschen
gemäßer Funktionalismus kann zeigen, daß eine nichtfunktionale Ethik der
dreifachen Ehrfurcht vor dem, was über uns, was unseresgleichen und was unter
uns ist, auch unter Nützlichkeitsgesichtspunkten, aufs Ganze und auf die Länge
gesehen, für den Menschen das beste ist.“
Robert Spaemann
„Es
gibt (in der heutigen Wissenschaft) kein vernünftiges Ziel an sich. ... Da die
Zwecke nicht mehr im Licht der Vernunft bestimmt werden, ist es auch unmöglich
zu sagen, daß ein ökonomisches oder politisches System, wie grausam und
despotisch es auch sei, weniger vernünftig ist, als ein anderes. ... Ist einmal
die philosophische Grundlage der Demokratie zusammengebrochen, so ist die
Feststellung, Diktatur sei schlecht, nur für solche Menschen rational gültig,
die nicht ihre Nutznießer sind.“ Max Horkheimer, Zur Kritik der
instrumentellen Vernunft, Raubdruck 1968, 122 und 142f.
C) Was darf ich
hoffen? Lebenssinn, Versöhnung, ein transzendentales Obdach – kurz:
Religionsersatz modern. Die Fortsetzung der Metaphysik über ihr Ende hinaus.
„Leben, das Sinn hätte, fragte
nicht danach.“ „Die These, das Leben habe keinen Sinn, wäre als positive genauso
töricht, wie ihr Gegenteil falsch ist.“ Ebd. S. 367f
In der Sinnfindung „usurpiert
das Bedürfnis das, was ihm mangelt. Der Wahrheitsgehalt des absenten wird
gleichgültig; sie behaupten es, weil es gut für die Menschen sei.“ Adorno,
Negative Dialektik, S. 363f
„Dass
der Teufel nicht mehr zu fürchten und auf Gott nicht mehr zu hoffen sei,
expandiert sich über die Metaphysik, in der die Erinnerung an Gott und Teufel
nachlebt, kritisch reflektiert. Es verschwindet, was den Menschen in höchst
unideologischem Verstande das Dringlichste sein müßte. ... Nicht sind die
Fragen gelöst, nicht einmal ihre Unlösbarkeit bewiesen. Sie sind vergessen. ...
In der Gleichgültigkeit des Bewußtseins gegen die metaphysischen Fragen ...
versteckt sich ein Horror, der, verdrängten ihn die Menschen nicht, ihnen den
Atem verschlüge.“
„In
der vergesellschafteten Gesellschaft jedoch, dem ausweglos dichten Gespinst der
Immanenz, empfinden die Menschen den Tod einzig noch als ein ihnen Äußerliches
und Fremdes...“ Adorno, Negative Dialektik
„Inwiefern ist die Angst eine ausgezeichnete Befindlichkeit? Wie wird in ihr das
Dasein durch sein eigenes Sein vor es selbst gebracht?“ Martin Heidegger,
Sein und Zeit, Tübingen 1979, S. 184.
„Die Behebung des
Seinsausstandes besagt Vernichtung seines Seins. Solange das Dasein als Seiendes
ist, hat es seine 'Gänze' ‘nie erreicht. Als Seiendes wird es dann nie mehr
erfahrbar.“ Sein und Zeit, S. 236.
„Das vorlaufende Freiwerden für
den eigenen Tod befreit von der Verlorenheit in die zufällig sich andrängenden
Möglichkeiten, so zwar, daß dies die faktischen Möglichkeiten, die den
unüberholbaren vorgelagert sind, allererst eigentlich verstehen und wählen läßt.
Das Vorlaufen erschließt der Existenz als äußerste Möglichkeit die Selbstaufgabe
und zerbricht so jede Versteifung auf die je erreichte Existenz.“ Sein und
Zeit, S. 264.
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