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Zitatezettel zum Vortrag

Prof. Dr. Albert Krölls

 

Kritik der psychologischen Weltanschauung 

Eine wissenschaftliche Menschenbildpflege und ihr politischer Gehalt

 Vortrag mit Diskussion

Mittwoch, den 19. Januar 2005, 18.00

 

Das deterministische Dogma

1.     „Gegenstand der Psychologie sind Verhalten, Erleben und Bewusstsein des Menschen und deren innere (im Individuum angesiedelte) und äußere (in der Umwelt lokalisierte) Bedingungen und Ursachen.“ (Zimbardo-Gerrig, Psychologie,  7. Aufl. 1999, S. 2)

2.     „Von einer Erklärung wird dann gesprochen, wenn sich die Bedingungen oder sogar die Ursachen aufweisen lassen, die ein Phänomen hervorgebracht haben.“  (ebda.  S. 3)

 

Krieg und Aggression

1.        „In der Geschichte sind trotz der Vielfalt von Erziehungsformen, Wertordnungen, Sittengesetzen immer wieder Kriege ausgebrochen. Infolgedessen muss die Frage zugelassen sein, ob die menschliche Aggression sich, vergleichbar der menschlichen Sexualität, zyklisch zu entladen strebt, und ob die dem Subjekt offenstehenden Wege aggressiver Befriedigung in den affektiven Kontakten seiner Gesellschaft auf lange Dauer gesehen nicht ausreichen, so dass von Zeit zu Zeit ein aggressiver Erregungsstrom losbricht, der ganze Gesellschaften erfasst.  (…) An der Tatsache der Aggressivität des Menschen als einer seiner Naturkonstanten ist nicht gut zu zweifeln [...]. In uns (muss) ein verborgener Antrieb stecken, der uns kriegstüchtig und wenn nicht das, so doch wenigsten kriegsfähig macht.“ (aus: A. Mitscherlich, Krieg und menschliche Aggressivität, in: Krieg oder Frieden. Wie lösen wir in Zukunft   die  politischen Konflikte? R. Piper & Co. Verlag, München 1970)

 

Sozialpsychologische Erklärungen der Ausländerfeindlichkeit 

1.        „Nach den Erkenntnissen des Hallenser Psychotherapeuten Maaz und der Untersuchungen von Alice Müller kann der in der DDR erlebte Autoritarismus und das z. T. gesellschaftlich erzeugte Mängelmilieu durch zu frühe Kindestagesbetreuung zu einem gewissen Härteideal und ggf. zu nach außen gekehrter Aggression als Kompensation für zu früh erfahrenes Leiden führen.“ (C. Wergin, Jugend im Kontext von Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus, in: Informationsdienst AGAG Heft 1/1993, S. 78 ff.)

2.        "Die Eigenschaft von Vorurteilen, nur sehr schwer durch neue Erfahrungen veränderbar zu sein, deutet darauf hin, dass es Kräfte im Menschen geben muss, die sich der Auflösung der Vorurteile widersetzen. Woher kommt dieser Widerstand des Menschen, seine Vorurteile aufzugeben? Die Vermutung liegt nahe, dass sie für die Psyche des vorurteilsbehafteten Menschen spezifische Funktionen haben."  (Ä. Ostermann/ H. Nicklas, Vorurteile und Feindbilder, 1982,  S. 19)

3.        "Als eine wesentliche Funktion (von Vorurteilen, Einfügung durch A. K.) wäre zu nennen die Abwehr von Unsicherheit und Angst. Der für den einzelnen immer schwerer zu durchdringende gesellschaftliche Zusammenhang, die Isolierung und die Unfähigkeit durch eigene Handlung Sicherheit zu gewinnen, lässt die Menschen zu illusionären Mitteln greifen, die daraus erwachsende Angst zu beschwichtigen. Diese Angst ist die Ursache für die   ‘Intoleranz und Vieldeutigkeit’ und das ‘Bedürfnis nach subjektiver Gewissheit'. Wenn schon die Welt ein undurchdringlicher Dschungel ist, so sollen wenigstens die Interpretationsmuster einfach und klar sein. Es soll feststehen, wer Freund und wer Feind ist." (ebda S.20)

4.        "Der Gewinn, den ein geteiltes Vorurteil abwirft, liegt darin, dass wir in konformen Verhalten mit der Gruppe auch ihre spezifische Erleichterung  mitgenießen dürfen. Wir dürfen mit den Wölfen heulen, wir dürfen nach Vorurteilen agieren, mithandeln und unsere eigene innere Triebspannung damit erleichtern. Die Ablenkung der Triebspannung nach außen, auf Minoritätsgruppen, ist gleichsam der ökonomische Trick zur Erhaltung des Gruppengleichgewichts." (ebda S. 21)

 

Psychoanalyse Freud

1.        „Die älteste dieser psychischen Provinzen oder Instanzen nennen wir das Es; sein Inhalt ist  alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem die aus der Körperorganisation stammenden Triebe, die hier einen ersten uns in seinen Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden.“  (S. Freud, Abriss der Psychoanalyse 1938 (Fischer Taschenbuch-Ausgabe 1966)  S. 9

2.        „Den Kern unseres Wesens bildet also das dunkle Es, das nicht direkt mit der Außenwelt verkehrt (…) In diesem Es wirken die organischen Triebe, selbst aus Mischungen von zwei Urkräften (Eros und Destruktion) in wechselnden Ausmaßen zusammengesetzt.“ (ebda  S. 53)

3.        Während es das Bestreben der Libido ist,  „immer größere Einheiten herzustellen und so zu erhalten, also Bindung“, ist der Destruktionstrieb darauf gerichtet, „Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zerstören..." (ebda.  S.12)

4.         „Der eine dieser Triebe ist ebenso unerlässlich wie der andere, aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Beiden gehen die Erscheinungen des Lebens hervor.  (Warum Krieg? Studienausgabe Bd. IX,  S. 281)

5.        "Unter dem Einfluss der uns umgebenden realen Außenwelt hat ein Teil des Es eine besondere Entwicklung erfahren. Ursprünglich als Rindenschicht mit den Organen  zur Reizaufnahme und den Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet, hat sich eine besondere Organisation hergestellt, die von nun an zwischen Es und Außenwelt vermittelt. Diesen Bezirk  unseres  Seelenlebens lassen wir den  Namen des Ichs.“ (Abriss… S. 9 ff)

6.        „Ursprünglich war ja alles Es, das Ich ist durch den fortgesetzten Einfluss der Außenwelt  aus dem Es entwickelt worden.“ (ebda  S. 23)

       Seine psychologische Leistung besteht darin,

7.        „dass es zwischen Triebbefriedigung und Befriedigungshandlung die Denktätigkeit einschaltet…Das Ich trifft auf diese Weise die Entscheidung, ob der Versuch zur Befriedigung ausgeführt oder verschoben werden soll oder ob der Anspruch des Triebes nicht überhaupt als gefährlich unterdrückt werden muss (Realitätsprinzip) (S. 54)

8.        "Als Niederschlag der langen Kindheitsperiode, während der der werdende Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine besondere Instanz heraus, in der sich dieser elterliche Einfluss fortsetzt. Sie hat den Namen des Über-Ichs erhalten. Insoweit dieses Über-Ich sich vom Ich sondert und sich ihm entgegenstellt, ist es eine dritte  Macht, der das Ich Rechnung tragen muss.“ (S. 10)

9.        „In solcher Art setzt das Über-Ich fort, die Rolle einer Außenwelt für das Ich zu spielen, obwohl es ein Stück Innenwelt geworden ist. Es vertritt für alle späteren Lebenszeiten den Einfluss der Kinderzeit des Individuums, Kinderpflege, Erziehung und Abhängigkeit von den Eltern… Und damit kommen nicht nur die persönlichen Eigenschaften dieser Eltern zur Geltung sondern auch alles, was bestimmend auf sie selbst gewirkt hat, die Neigungen und Anforderungen des sozialen Zustandes, in dem sie leben, die Anlagen und Traditionen der Rasse, aus der sie stammen.“ (S.  60)

10.     "Alle diese bewussten Akte blieben zusammenhanglos und unverständlich, wenn wir den Anspruch festhalten wollen, dass wir auch alles durch Bewusstsein erfahren müssen, was an seelischen Akten in uns vorgeht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren Zusammenhang ein, wenn wir die erschlossenen unbewussten Akte interpolieren. Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist aber ein voll berechtigtes Motiv, das uns über die unmittelbare Erfahrung hinausführen darf." (S. Freud, Das Unbewusste, in: Psychologie des Unbewussten, Freud Studienausgabe  Bd. III, S. 126)

11.     „Sie (unbewusste seelische Vorgänge, Einfügung durch A. K.) können mit all den Kategorien beschrieben werden, die wir auf die bewussten Seelenakte anwenden, als Vorstellungen, Strebungen, Entschließungen u. dgl. Ja, von manchen dieser latenten Zustände müssen wir aussagen, sie unterscheiden sich von dem Bewussten eben nur durch den Wegfall des Bewusstseins." (ebda S. 127)

12.     "Die roheste Vorstellung von diesen Systemen ist die für uns bequemste; es ist die räumliche Vorstellung. Wir setzen also das System des Unbewussten einem großen Vorraum gleich, indem sich die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesem Vorraum schließt sich ein zweiter, engerer, einer Art Salon, in welchem noch das Bewusstsein verweilt, an. Aber an der Schwelle zwischen den beiden Räumlichkeiten waltet ein (bewusst unbewusster) Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einlässt, wenn sie sein Missfallen erregen ... Wenn sich die Regungen im Vorraum bereits zur Schwelle ... vorgedrängt haben und vom Wächter zurückgedrängt worden sind, dann sind sie Bewusstseinsunfähig: Wir heißen sie verdrängt." (Freud, Vorlesungen, Fischer Studienausgabe Bd. 1, S. 293).

 

Adorno, Der autoritäre Charakter

1.        „potentiellen Faschismus zu diagnostizieren und seine Determinanten zu ergründen“ (Adorno, Studien zum autoritären Charakter, 1. Auflage 1973, S. 2)

2.        „Wenn es ein potentiell faschistisches Individuum gibt, wie sieht es genau betrachtet aus? Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Kräfte im Individuum sind es, die sein Denken strukturieren? …welches sind ihre Determinanten, wie der Gang ihrer Entwicklung? Wie kommt es, dass bestimmte Personen solche Ideen akzeptieren, andere aber nicht (S. 2, 3)

3.        „Die objektive Situation des Individuums kommt als Ursprung solcher Irrationalität kaum in Frage; besser sieht man sich dort um, wo die Psychologie bereits die Quelle von Träumen, Phantasien und Fehlinterpretationen der Welt gefunden hat -  in den verborgenen Bedürfnissen der Charakterstruktur.“ (S. 12)

4.         „Faschismus muss, um als politische Bewegung erfolgreich zu sein, eine Massenbasis haben. Er muss nicht nur die angstvolle Unterwerfung, sondern auch die aktive Kooperation der großen Mehrheit des Volkes sichern. Da er durch seine bloße Natur Wenige auf Kosten der Mehrheit begünstigt, kann er nicht gut verkünden, die Situation der Mehrheit ihren wirklichen Interessen entsprechend verbessern zu wollen. Er muss deshalb in erster Linie an emotionale Bedürfnisse – oft die primitivsten und irrationalsten Wünsche und Ängste  - appellieren und nicht an das rationale Selbstinteresse.“ (S. 13)

5.        „Nach Horkheimers Theorie…geht äußere gesellschaftliche Repression mit innerer Verdrängung von Triebregungen zusammen. Um die ‚Internalisierung’  des gesellschaftlichen Zwanges zu erreichen, (…) nimmt dessen Haltung gegenüber der Autorität und ihrer psychologischen Instanz, dem Über-Ich, einen psychologischen Zug an. Das Individuum kann die eigene soziale Anpassung nur vollbringen, wenn es an Gehorsam und Unterordnung Gefallen findet; die sadomasochistische Triebstruktur ist daher beides, Bedingung und Resultat gesellschaftlicher Anpassung. In unserer Gesellschaftsform finden sadistische so gut wie masochistische Neigungen Befriedigung. Bei der spezifischen  Lösung des Ödipuskomplexes, welche die Struktur  des hier besprochnen Syndroms bestimmt, werden solche Befriedigungen in Charakterzüge umgesetzt; …der resultierende Hass gegen den Vater wird durch Reaktionsbildung in Liebe umgewandelt. Diese Transformation bringt eine besondere Art von Über-Ich hervor. Die schwierigste Aufgabe des Individuums in seiner frühen Entwicklung, Hass in Liebe umzuwandeln, gelingt niemals vollständig. In der Psychodynamik des „autoritären Charakters“ wird die frühere  Aggressivität zum Teil absorbiert und schlägt in Masochismus um, zum Teil bleibt ein Sadismus zurück, der sich ein Ventil sucht in denjenigen, mit denen das Individuum sich nicht identifiziert: in der Fremdgruppe also.“ (S. 323)

6.        In der „autoritären Unterwürfigkeit“ verwirklicht sich die „masochistische Komponente des Autoritarismus“ (S. 50)

7.        „Man könnte sagen, dass in der autoritären Aggression die ursprünglich durch die Autoritäten der Eigengruppe erweckte und gegen sie gerichtete Feindseligkeit auf die Fremdgruppen verdrängt wird… der Theorie der Verdrängung  zufolge muss der Autoritäre seine Aggression  aus innerer Notwendigkeit gegen die Fremdgruppe richten. Er muss es, weniger aus Unwissenheit in bezug auf die Ursache seiner Frustration, als vielmehr seiner psychischen Unfähigkeit zufolge, Autoritäten der eigenen Gruppe anzugreifen. (Adorno, S. 51 f.)“

8.        „Die psychische Dynamik, die nach dem antisemitischen Ventil ‚verlangt’ – das ist im wesentlichen die Ambivalenz autoritärer und rebellischer Neigungen“ (S. 110)

9.        „Das Konzept dieses Kapitels geht von der allgemeinen Annahme aus, dass die - zum großen Teil unbewusste - Feindschaft, die aus Versagung und Repression resultiert und sozial vom eigentlichen Objekt abgewandt wird, ein Ersatzobjekt braucht, durch das  sie einen realistischen Aspekt für das Subjekt gewinnt, das radikaleren Äußerungen eines gestörten Kontaktes mit der Realität, d. h. einer Psychose auswei­chen muss.“ (S. 108)

10.     „Das heißt nicht, dass Juden Hass auf sich ziehen müssen oder dass eine unabwendbare historische Notwendigkeit  sie eher als andere zum idealen Angriffsziel sozialer Aggressivität macht. Es genügt, dass sie diese Funktion im psychischen Haushalt vieler Individuen erfüllen können.“ (S. 108).

„Die Fremdheit der Juden scheint die handlichste Formel zu sein, mit der Entfremdung der Gesellschaft fertig zu werden. Den Juden die Schuld an allen bestehenden Übeln zuzuschieben, mag die Dunkelheit der Realität erhellen wie ein Scheinwerfer, der rasche und umfassende Orientierung gewährt.“  (S. 124)